Was ist eigentlich normal?

von Johannes 04.04.2017

Menschen sitzen vor Cafés in Berlin.
Bild: tupungato / iStock

Irgendwie gewöhnt man sich daran. Zwar hat sich dieser schöne Euphorieschub, der sich nach zwei, drei Wochen eingestellt hatte, relativ schnell wieder verflüchtigt – wie das eben so ist mit Rauschzuständen. Gleichzeitig wird das Nichttrinken zur Normalität. Klar, Bars und Kneipen meide ich zurzeit eher. Aber abends nach der Arbeit oder beim Essengehen gibt es halt Limo oder Wasser. Oder – das geht in der Tat auch – ein alkoholfreies Bier. Was den Vorteil hat, dass es auch wirklich bei dem einen bleibt.

Samstagnachmittag, die Sonne scheint. Wenn ich die anderen Menschen im Park oder im Café vor ihrem Bier oder Spritz sitzen sehe, dann denke ich mir: Können sie ja machen. Ich? Muss nicht. Und dieses Nicht-Müssen, also sich keine Gedanken machen wie "Trinke ich was? Und wenn ja: Wann, wo, was, mit wem und vor allem wieviel?" empfinde ich momentan in erster Linie als Zugewinn an persönlicher Freiheit. Ähnlich, als wenn man nach langer Zeit endlich das Rauchen aufgegeben hat.

Kein Enthaltsamer in einer Welt voller Drinks

Ja, es stimmt: Ich achte seit Beginn dieser Abstinenz verstärkt darauf, was die Leute um mich herum so im Glas haben. Dabei ist es keineswegs so, dass ich ein einsamer Enthaltsamer in einer Welt voller Drinks bin. Im Gegenteil – mir fällt immer wieder auf, wie viele Leute nichts trinken, gerade in Situationen, in denen ich es normalerweise tue. Nachmittags bei Sonne im Park. Abends in der Pizzeria. Nach dem Sport. Morgens um fünf in der Pommesbude. Stellt sich die Frage: Was ist eigentlich normal beim Thema Alkoholkonsum? Und was ist normaler Konsum?

Gerade bin ich über einen recht ärgerlichen Artikel im Online-Jugendmagazin einer bekannten deutschen Tageszeitung gestolpert, in dem es u.a. heißt: "(…) was es ohne den einen oder anderen Drink nicht gäbe. Deine derzeitige Beziehung, die Bundesrepublik oder die Babyshambles zum Beispiel." Und an anderer Stelle: "Beziehungen führen oder ein Studium machen: alkoholfrei nicht möglich." Nicht von der Hand zu weisen ist daran sicherlich, dass Alkohol in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist. Aber ist er deswegen auch nicht wegzudenken? Also im Sinne von: Das muss so? Halte ich für einen naturalistischen Fehlschluss. Und eine tendenziöse Verharmlosung sowieso. Vor allem aber zählen derartige Aussagen zu den vielen kleinen und größeren Selbstbetrügen von Trinkenden, die Daniel Schreiber in seinem unbedingt empfehlenswerten Essay "NÜCHTERN" höchst anschaulich beschreibt.

Alkoholfrei am ersten richtigen Frühlingsabend

Zugeben: Ein bisschen außen vor fühlte ich mich schon, wie ich am ersten richtigen Frühlingsabend durch meine Straße laufe, um mir beim Späti ein möhrenhaltiges Erfrischungsgetränk zu holen. Lokale und Trottoir davor voller angeregt plaudernder und – überflüssig zu erwähnen – trinkender Leute, von denen so mancher im weiteren Verlauf der Nacht sicher auch noch als "voll" zu bezeichnen sein wird. Wobei mir klar wird: Wenn ich den Leuten etwas neide, dann ist es nicht das Trinken als solches, sondern eher die gemeinsame Aussicht auf einen lustigen Abend in geselliger Runde. Während ich mich mit einer Tasse Detox-Tee und meinem Buch ins Bett begebe. Ist ja schließlich Wochenende. Da darf man sich ruhig etwas erholen.

2 Kommentare

Ingo, am 17.04.2017 um 20:44

Herzerfrischend! Ein toller und ehrlicher Eintrag. Das Ende hat mich zum verstehenden Lachen gebracht! :-)
Gefällt mir sehr! Gruß I.

Poupette, am 29.04.2017 um 10:40

Deine Worte machen Mut, sich mit dem Thema ernst auseinanderzusetzten und über sein eigenes Verhältnis zum Alkohol nachzudenken. Danke Dir.

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